Scherzi Musicali - Kritik Fränkische Landeszeitung 23.2.2004 |
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Neuendettelsau - Das Scherzo in der Musik hat mit Scherzen an sich nur mittelbar zu tun - "heiter" ist nicht gleich lustig. Es geht aber auch saukomisch, wie die barocken "Scherzi musicali zum Fasching" zeigten, die am Faschingssamstag im Neuendettelsauer Kapitelsaal kredenzt wurden.
Der Countertenor Andreas Pehl, der Geiger Michael Spiecker und der Cembalist Robert Schröter sind ausgepichte Barock-Experten - und wissen, dass die Komponisten jener Epoche sich bisweilen selbst nicht ganz ernst nahmen und ganz gerne Schrilles, Schräges und Skurriles verfassten.
Als "roten Faden" präsentieren die drei ein vorgeblich im Keller des Kapitelsaals gefundenes Tagebuch jenes sagenhaften Dettel, der Neuendettelsau gegründet haben soll. Und den trieben offensichtlich in erster Linie seine Hormone, pardon, "Gott Amor", wie man es in jener Zeit ausdrückte, um.
Da schwelgt Dettel alias Pehl zunächst mit Händels "Giulio Cesare" in pastoralem Idyll, lauscht verzückt den Vögeln des Waldes nach und vermutet hinter jedem Baum die Geliebte Eorilla. Allein die Dame lässt auf sich warten - und das, obwohl es Pehl und seinen Mitstreitern wahrhaftig nicht an Schmelz und Präzision, Wohlklang und sauberer Artikulation, Verve und Gefühl fehlt.
Unbeweibt, wie er ist, lenkt sich Dettel erst einmal mit Bibers "Sonata Violino Solo Representativa" ab, deren Tierstimmen von Spiecker mit Sinn für barocken Unsinn und fast anarchischem Humor über die Rampe gebracht werden - inklusive einer armen Katze, der ein böswilliger Zeitgenosse auf den Schwanz getreten haben muss...
Tierquäler hatten im Barock offenbar sowieso Hochkonjunktur. Sonst müsste Dettel nicht zur filigranen Continuo-Begleitung Robert Schröters in den höchsten Tönen Telemanns "Trauer-Music eines kunsterfahrenen Kanarienvogels" anstimmen. "O weh, mein Canary ist tot", schluchzt die männliche Altstimme herzzerreißend traurig. So viel Seelenschmerz will im Wein ersäuft sein. Dumm nur, dass es Dettel mit Kriegers rheinischem Rebensaft eindeutig übertreibt und in Tiefschlaf versinkt.
Mit einem Kater im Kopf kann man manch krausen Einfall kriegen. Zum Beispiel nach Johann Sebastian Bach der Wollust (und damit dem Spaß im Leben) abschwören. Die Arie "Ich will dich nicht hören" aus der weltlichen Kantate "Hercules auf dem Scheidewege" kennt man mit anderem Text ("Bereite Dich, Zion") aus dem "Weihnachtsoratorium". Für das Barocktrio eine Gelgenheit, zu zeigen, dass es auch ernstere Töne beherrscht.
Danach schlagen allerdings Amor und Eorilla gemeinsam zu und erwischen den armen Dettel kalt. Nun schmachtet er frierend in kalter Nacht das holde Weibsbild an (mit Händels genüsslich auszelebrierter Kantate "Vedendo amor"), weint mit Krieger und einer Träne im Knopfloch den verlorenen "Junggesellenfreuden" hinterher und muss sich zu schlechter Letzt auch noch Marin Marais' "Bericht über eine Gallensteinoperation" anhören. Da ist selbst Hammerschmidts "Kunst des Küssens" nur ein schwacher Trost. Zumal die schöne Eorilla sich schnell als tratschsüchtige Kaffeekränzchen-Furie erweist, wie in der Zugabe klar wird. Da möchte man echt nicht in Dettels Haut stecken...