Scherzi Musicali - Kritik SZ 2.1.2003 |
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Benediktbeuern. Wenn man den Meinungsforschern glauben darf, war 2002 das Jahr der großen Klagen - die Befindlichkeit der Deutschen sei am Nullpunkt angelangt. Also kann es doch nur noch besser werden - dachten wohl auch drei junge Musiker, die das Klagejahr mit barocker U-Musik im Kloster Benediktbeuern auf äußerst unterhaltsame Art verabschiedeten. Robert Schröter, 1975 geborener Pianist, der seine Liebe zur Alten Musik entdeckt und sich dem Cembalo zugewendet hat, entfachte schon letztes Sylvester ein "Musicalisches Feuerwerk" im Barocksaal - die Erwartungen waren infolgedessen hoch gesteckt. Und wurden erfüllt, wenn nicht übertroffen. Mit von der Partie wiederum der 1976 geborene Countertenor Andreas Pehl, der übers Jahr einiges an Souveränität des Auftretens hinzugewonnen hat. Dritter im Bunde dieses Mal der 1977 geborene Geiger Michael Spiecker.
Um eine Dramaturgie zu entwickeln, hatten die drei "das im Kloster aufgefundene Tagebuch eines Isidor" ins Spiel gebracht, aus dem Pehl vorlas und mit dieser fiktiven Geschichte die Musiknummern zu einem Gesamtkunstwerk verschmolz. Mit diesem Griff in die Trickkiste gelang es ohne weiteres, von Johann Heinrich Schmelzers hitziger Nummer "Die Fechtschule" (inclusive "Duell" zwischen Sänger und Geiger) zu Händels lieblicher Arie "Se in fiorito ameno prato" oder von Telemanns "Trauer-Music eines kunsterfahrenen Canarienvogels" (samt steifem Piepmatz im Vogelkäfig) zu Adam Kriegers ausgelassener Lobpreisung des "Rheinschen Weins" zu kommen. Während dem elegischen Gesang über das Ableben des gefiederten Sängers ein höchst derber oberbayerischer Epilog angefügt war ("Katzenviech g'herst in d'Loisach g'schmissa"), gelang es den drei bestens aufgelegten Musikern beim Rheinwein-Refrain sogar, das Publikum zum Mitsingen zu animieren - und so bestens eingestimmt ans Pausenbüffet zu entlassen.
Der zweite Teil brachte die Begegnung mit einem immer wieder gerne zitierten Beispiel für Bachs ökonomische Arbeitsweise des sogenannten Parodieverfahrens: Der Vorläufer der Alt-Arie aus dem Weihnachtsoratorium "Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben, den Schönsten, den Liebsten, bald bei dir zu sehen" erklang im Original: "Ich will dich nicht hören, ich will dich nicht wissen: verworfene Wollust, ich kenne dich nicht". Unglaublich, aber wahr: Die Musik 'passt' auf beide Texte!
Kurios: Die Beschreibung einer Gallensteinoperation von Marin Marais für Geige und Sprecher, bei der (so kurz vor dem Sylvester-Dinner!) das Blut in Strömen floss. Doch "als Anregung für diesen noch jungen Abend" dann Andreas Hammerschmidts ausführlichste Einweisung in die "Kunst des Küssens". Tosender Beifall führte zur Zugabe - dem Höhepunkt des Abends: Andreas Pehl verblüffte mit stimmlicher wie darstellerischer Wandlungsfähigkeit, indem er eine ganze Kaffeklatschgesellschaft parodierte. Köstlich! Müssen wir jetzt wirklich wieder bis Sylvester warten?